Grenzüberschreitungen [...] die; Der legendäre Schweizer Liedermacher Mani Matter besingt in einem seiner Stücke eine Straßenbahn Nummer neun, die plötzlich, anstatt zu später Stunde ins Depot heimzukehren, zu träumen beginnt und von den Schienen abhebt, um über die Dächer der Stadt hinweg zu schweben. In der Geschichte "Lounge Suit" unserer Autorin Kristín Ómarsdottír, begegnen sich in der Straße ganz selbstverständlich ein Gangster und ein Schwein und beginnen eine beinahe alltägliche Konversation! Mit dieser Art von Grenzüberschreitungen gelingt es der Literatur, die Wirklichkeit im Allgemeinen und die des Lebensraums Straße im Speziellen sowohl auszudehnen als auch präziser zu fassen, als es mit einer rein sachlichen Beschreibung möglich wäre. Die Kraft der literarischen Annäherung schöpft hier einerseits aus der Abstraktheit, andererseits aus dem Beziehungsreichtum ihres Instruments - der Sprache. Unsere Wahrnehmung der Straße wird ihrerseits verändert durch die Bilder und die Welten, mit denen wir in literarischen (oder auch filmischen) Beschreibungen konfrontiert werden. Könnte es vielleicht sogar so sein, dass auch unser Handeln als Akteure der Straße sich unter dem Einfluss dieser konstruierten Wirklichkeiten verändert? Wir möchten dazu anregen, dass ArchitektInnen Bilder aus der Literatur in ihr Repertoire aufnehmen, um sie bei der Neugestaltung von Straßenräumen ins Spiel zu bringen. Immerhin gibt es ja schon Beispiele, wie Bilder aus Filmen wie etwa Blade Runner oder Metropolis bei der Erfindung von Stadträumen Pate standen, manchmal eher unbewusst, manchmal ganz explizit. Wir meinen aber, daß die literarischen Vorlagen ungleich komplexere und tiefergehende Bildräume anbieten, die ausserdem eine in ihrer Bedeutung offenere Rezeption erlauben.

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